Till Broenner

Let’s Keep Jazz Alive!

 
 

Till Brönner ist wohl der bekannteste deutsche Jazz-Trompeter. Für seine musikalischen Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet und hat große internationale Anerkennung erworben. Mit Leidenschaft und Perfektion und großem Kino erobert er die Bühnen und mit seiner Trompete die Herzen der Fans. Mit seiner Leica portraitierte er Kollegen – Talente aus Musik, Film und Kultur für Faces of Talent, seinem Ausstellungs- und Buchprojekt. Christina Lissmann traf den außergewöhnlich distinguiert plaudernden Frauenschwarm zum Lunch.

 

Unser Interview:

Wir trafen uns ja vor drei Monaten bei Ihrer Buch- und Fotopräsentation. Wo war denn inzwischen Ihre letzte Ausstellung, und was war Ihr letzter Interviewtermin?

Ich hatte auf der Fashion Week eine Präsentation meiner Fotoarbeiten und einen Interviewtermin im Kronprinzenpalais, bei einer Konferenz zu Mode & Stil, veranstaltet von der Vogue und dem ZEITmagazin – ein Live-Interview mit Christoph Amend. Auf der Bühne war dann auch Mario Testino, der hochinteressant über sich und seine Arbeit plauderte. Das war sehr beeindruckend, und es wurde erneut klar, dass Fotografie nicht einfach Fotos machen bedeutet, sondern einen sichtbaren Beweggrund benötigt. Genauso klar wurde, warum so viele Modehäuser mit Testino arbeiten wollen: Er ist ein Impressario, ein Visionär, und eigentlich kauft man sich genau das und nicht eine fotografisch-technische Leistung. Das war ein schöner Moment, zu sehen, dass es wie bei der Musik darum geht, wie man etwas spielt – insofern die Reduktion auf das Wesentliche und die Frage nach dem „warum“ allgegenwärtig ist.

Die Fotos ihres Projektes Faces of Talent entstanden im Rahmen von Auftritten und Begegnungen mit Persönlichkeiten, die Sie meist bei Ihren Reisen trafen. Auf Inszenierungen und Sets haben Sie verzichtet. Worum ging es Ihnen dabei?

Ich stelle die These auf, dass man Talent in den Augen sehen kann. Und auch hier die Fragen: „Warum dieses Foto?“ und „Sehe ich da etwas oder nicht?“
Das kann einen schon mal über 200 Seiten in Atem halten, wenn man sie liefern möchte. Es ist auch ein Projekt, das sich theoretisch über Jahre fortführen ließe. Es kommt ja nicht aus der Mode, wozu sicher auch die schwarz-weiß Optik beiträgt.

Ihre Fotos sind ja nicht gestellt oder inszeniert, sie scheinen den Augenblick einzufangen, haben etwas Authentisches, die Essenz des Moments, oder?

Es ist tatsächlich ein anderes Fotografieren als „Hallo, ich bin Fotograf und würde gerne mal ein Foto von Ihnen machen!“ Man ist eher Kollege – bei den Musikern zumindest – und daher vergleichsweise unverdächtig. Ich komme auch näher ran an das Geschehen. Davon profitieren die Ergebnisse.

Wohin wird die Ausstellung noch wandern?

Zunächst ist sie im Mai in Zingst auf dem Fotofestival und danach im Oktober in Los Angeles in der Leica Galerie zu sehen, die gerade neu eröffnet hat – sehr schönes Terrain und passendes Publikum. Ich muss mich dennoch aufgrund meiner Doppeltätigkeit immer wieder darum bemühen, auf beiden Gebieten mein angestrebtes Level zu halten. Doch die Themen befruchten sich irgendwo gegenseitig, so dass Abstand und Beurteilungsfähigkeit entstehen, die mir dabei helfen, zu erkennen, was von Bestand sein könnte. Mein nächstes Ziel ist eine Ausstellung in Berlin.

Aber es ist ja schon ein Vorteil, wenn man bereits prominent ist. Da ist das Publikum garantiert aufmerksamer, oder?

Interesse ist da, ja. Umso größer ist gerade bei Fotografie die Gefahr, den Kommentar zu bekommen: „Ach, jetzt fotografiert der auch noch!“ Was bei uns nicht so gerne gesehen wird, ist, wenn einer unterschiedliche Dinge macht: „Jetzt hat man sich doch gerade so daran gewöhnt, dass der Musiker ist, muss der auch noch den Fotoapparat in die Hand nehmen?“

Immerhin viele Labels, die Sie sich da erarbeitet haben. Das ist doch toll, nicht?

Wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass alles sehr verwandt miteinander ist und dass es voneinander nicht zu trennen ist. Die Notwendigkeit, meine Musik auf der Bühne auch mit Worten zu verpacken und möglicherweise auch verständlicher zu machen, gehört zur Musik dazu. Und zu überlegen, wie etwas optisch auf der Bühne wirkt, damit die Musik noch besser zum Tragen kommt, ebenfalls. Auch das Fotografieren von Musikkünstlern – vielleicht ein noch etwas weiter entfernter Ast, wenn man vom Stamm „Musik“ ausgeht – ist trotzdem naheliegend.

War das denn für Sie als Kind auch harte Arbeit, sich in Musikorchestern nach oben zu kämpfen, immer Trompete zu üben oder fiel es eher leicht?

Das weiß ich schon gar nicht mehr. Die richtige Mischung aus Pflicht und Förderung scheint mir gut. Man spielt auch mit Talent nicht einfach so auf Trompete oder Klavier los. Ich habe meine Motivation von älteren Kollegen erfahren, die natürlich zunächst viel besser waren als ich. Das war mir Ansporn. Mir hat das viele Üben witzigerweise nicht so viel von meiner Kindheit geklaut, sondern eher etwas gegeben, vor allem als ich gemerkt habe, dass der Jazz meine Art von Musik ist.

Waren denn Ihre Eltern auch Musiker?

Keine Berufsmusiker, meine Großeltern aber waren Kirchenmusiker, Chorleiter und Organisten.

 

Die Choräle von Bach haben Sie dann also geprägt?

Genau. Bis heute ist es so, dass ich wahnsinnig gerne aus musikalischen Gründen in der Kirche sitze, wenn dort ein guter Organist spielt. Eine Kirchenorgel ist für mich ein trost- und heilspendendes Instrument, dessen therapeutische Wirkung ich immer empfand. Ich kann zwar nicht Orgel spielen, aber ich habe oft genug Trompete in der Kirche gespielt, und die Orgel ist eines der perfektesten Musikinstrumente überhaupt.

 
 

Gab es denn damals in der Jugend bereits diesen Wunsch, Berufsmusiker zu werden?

Mein Vater hat sich viel mit Fliegerei auseinandergesetzt und hatte selber einen Flugschein. Mit fünf wollte ich deshalb Pilot werden – was Kinder sich so vorstellen. Mit etwa zehn Jahren merkte ich, dass mich Musik stark in ihren Bann zieht. Als es dann – ich glaube bei meinem dritten Trompetenlehrer – die Anregung gab, ernsthafter über eine Zukunft als Musiker nachzudenken, dämmerte es mir, dass ich schon tiefer drinsteckte als gedacht. Wirtschaftliche Fragen, Lebensplanung und eventuelle Kurskorrekturen – solche Fragen kommen alle erst später. Natürlich ahnt man noch nicht, wie schwer es werden kann, davon zu leben. Vielleicht verdrängt man es auch. Der Zug fährt eben schon längst mit voller Fahrt.

Und Ihr Sohn, spielt er auch ein Instrument?

Ich erzähle darüber nicht so gern, aber man kann sich vorstellen, dass für ihn Musik greifbar und zugänglich ist, und das ist eigentlich der wichtigste Punkt. Pushen kann sehr gefährlich sein, aber Musik zugänglich zu machen, halte ich für wichtig. Wir wissen, dass Musik instinktiv bei Konfliktlösungen hilft, aber gleichzeitig ist Musik das am schlechtesten besetzte Fach in der Schule. Man findet es offenbar nicht wichtig und wundert sich über ungelenkes Verhalten. Das finde ich sehr bedauerlich. Auch in Gesprächen steckt Musik. „Der Ton macht die Musik“, heißt es ja im Volksmund.

„Der Ton trifft das Herz sofort“, wie Nietzsche sagt. Meinen Sie das auch?

Genau, es gibt keinen direkteren Zugang zum Herzen und zur Wahrheit als durch Musik, weil sie einfach sofort durchdringt. Die Augen haben im Vergleich noch einen Filter, wir sind bestechlich, wenn es um die Augen geht. Ich denke auch, zu allem was wir so erleben oder was wir von Menschen des Wortes oder auch von Politikern hören, sollte es noch eine kleine Filmmusik geben, und wenn es so etwas gäbe – das ist natürlich nur fiktiv und ein Tagtraum – dann wüssten wir viel mehr, mit wem wir es zu tun haben. Wir können mit Worten andere blenden, aber Musik kann nicht täuschen, glaube ich.

„Filmmusik“, gutes Stichwort: Ihre Deutschland-Konzerttour zum „The Movie Album“ ist ja schon mitten drin und hat mit Ihrem zweiten Wohnort L.A. und Hollywood zu tun?

Ja, das war eine Parallele, die mir als erstes in den Sinn kam – ich neige ja dazu, den ersten Assoziationen Glauben zu schenken oder zu trauen. Ich dachte mir, jetzt bist Du hier und was könntest Du eigentlich Besseres machen, als Dich mit Filmmusik überhaupt hier in L.A. anzumelden – natürlich nicht mit Filmmusik zu einem Film, sondern als Hommage an diesen Ort. Und was läge näher als Hollywood? Da fragt keiner „Warum hast Du das aufgenommen?“, und es ist gut, wenn Musik nicht erklärt werden muss. Das Live-Spielen und das neu gegründete Till Brönner Orchestra wiederum haben eine ganz andere, noch umfangreichere Ausrichtung. Wir schlagen noch ein ganz anderes Kapitel auf. Ich stamme aus größeren Ensembles, der Schul-Bigband, dem Bundesjazzorchester, der Bigband des damaligen RIAS Berlin und wusste, was es damit auf sich hat. Irgendwann ging mir das zu sehr gegen den Strich, weil dabei der Individualist untergeht, und deswegen habe ich mich für Solo-Pfade entschieden. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ich jetzt von hinten durch die kalte Küche noch einmal mit einem großen Ensemble auf die Bühne zurückkehre und eben doch das größere Kino präsentiere, wo die Dramaturgie eine ganz andere ist als auf einer CD. Ich bin ein großer Fan davon, Alben eine Thematik zu geben, die im Prinzip von A-Z erklingt. Ich genieße aber Konzerte aufgrund der Dynamik und auch der direkten Ansprache von Menschen ungleich stärker, weil ich die Lust verspüre, den Menschen und ihrem Vertrauen, das sie mir entgegenbringen, etwas am Abend zurückzugeben. Das macht mir Spaß. Da nehmen sich Menschen ab nachmittags nichts vor, ziehen sich etwas Schickes an, tanken noch ihr Auto, suchen einen Parkplatz, gehen mit dem Partner vorher noch was essen und spenden mir mindestens einen halben Tag ihrer Zeit. Dafür muss schon etwas zurückkommen, was hoffentlich nicht alltäglich ist. Genau das macht mir totalen Spaß!

Die von Ihnen ausgewählten Filmmusiken wie „Run to You“,„Stand By Me“ oder „As Time Goes By“ sind Klassiker. Melodien, die man eigentlich kennt, die Sie neu arrangiert und damit „brönnerisiert“ haben. Der eigene Style, der eigene Sound wird zur Trademark?

Ja, es hat im weitesten Sinne mit „passend machen“ zu tun. Es muss mir liegen und nach mir klingen. Ich habe irgendwann festgestellt, dass es nicht so entscheidend ist, was ich spiele, sondern in der Tat, wie ich es spiele. Es müssen Bilder und Emotionen aufkommen.

Da fällt mir gerade der Film „Fahrstuhl zum Schafott“ ein…

Das war historisch einmalig, Miles Davis ist ins Studio von Louis Malle gebeten worden, um zu den Bildern des Filmes, in dem Jeanne Moreau die Hauptrolle spielte, zu improvisieren. Das ist bis heute eine der schönsten Musiken überhaupt.

Die Musik unterstützt als Emotionen tragendes Element die Geschichte im Film, aber die Bilder unterstützen z.B. auch als Plattencover die Musik – so auch das 50erJahre anmutende Cover vom „The Movie Album“– was ja für den Verkauf auch ziemlich wichtig ist, oder?

Ja, da gab es ja einige Beispiele wichtiger Coverart in der Kombination aus Fotografie und Kunst, das macht schon einiges aus. Ich habe mal die Filmmusik zu einem Dokumentarfilm von Julian Benedikt über den Jazzfotografen William Claxton geschrieben. Darüber habe ich Claxton persönlich kennengelernt, und was der über diese Covershootings z.B. in der Wüste mit Colt am Gürtel und Kaktus im Hintergrund erzählt hat, war zum Schießen komisch. Aber das hat letztlich dafür gesorgt, dass Alben richtige Megaklassiker wurden, somit hat die Fotografie die Musik an den Rand der Unsterblichkeit gebracht, das muss man wirklich sagen.

Sie haben in L.A. auch einige lebende Legenden des Jazz und der Filmmusik persönlich getroffen, wen zum Beispiel?

Ich habe vor allem Musiker aus unterschiedlichen Dekaden getroffen. Viele trifft man nur noch in NYC oder L.A., da sie sich nicht mehr aus ihren Städten wegbewegen. Sie sind dann irgendwann zu alt und reisen nicht mehr so viel. Viele sind ehrlich gesagt auch dort, wo die Sonne scheint, nämlich in L.A.. Dort habe ich neulich bei so einem Panel von Komponisten und Arrangeuren gesessen, die viel im Studio und Filmbereich gearbeitet haben. Das war eine der spannendsten Veranstaltungen, der ich je beigewohnt habe, weil ich nicht fassen konnte, was da für Geschichten erzählt wurden. Patrick Williams erzählte, wie er als blutjunger bettelarmer Komponist und Arrangeur nach NYC kam, wie man dort gearbeitet hat – da war an die Filmmusik zur Serie „Die Straßen von San Francisco“, die er später geschrieben hat, noch gar nicht zu denken. Und neben ihm sitzt ein junger Kollege, dem es heute ähnlich geht. Plötzlich ist da ein gemeinsames Empfinden über Werte, Fähigkeiten und auch letztlich die Gefahr, dass das irgendwann mal weg sein wird, im Raum. In der Konstellation bei uns undenkbar.

Weshalb ist das so?

Diese Symbiose aus Film und Jazz ist doppelt amerikanisch, da haben wir in Deutschland eine andere Tradition. Wir sind zwar ein Musikland Nr. 1, aber wenn es um Film oder Jazz geht, ist es Amerika und die Menschen, die erzählen können, wie es war, als dort wirkliche Meilensteine produziert worden sind.

In welchem Kanon sehen Sie sich denn?

Das ist schwer. Am Anfang eifert man den Vorbildern nach. Meine hießen Freddie Hubbard, Kenny Dorham, Chet Baker und nicht zuletzt Louis Armstrong. Später stellt man fest, dass man so etwas wie ein Sammelsurium aus all diesen Einflüssen ist, und dann beginnt sich die eigene Stimme langsam herauszubilden. Ich bin ja Kind deutscher Eltern und hier in Deutschland geboren und habe aber meine Liebe für dieses zutiefst amerikanische Kulturfleckchen so früh entdeckt, dass ich einen anderen Auftrag zu erledigen hatte: Zum einen dieser Musik persönlich immer näher zu kommen, aber vor allem Menschen in meinem Umfeld damit vorsichtig zu konfrontieren. Es ist eher schwerer als leichter geworden, und der überwiegende Teil der Bevölkerung reagiert mit spontaner Ablehnung, wenn das Wort Jazz fällt. Das ist ein Teil meiner Geschichte, weswegen ich mir gesagt habe: „Moment, wenn Ihr alle diese Musik komisch findet, und es das einzige ist, was ich wirklich machen will im Leben, muss ich natürlich dafür sorgen, dass Ihr diese Musik zu hören bekommt und sie auch mögt.“ Nicht um jeden Preis, aber das war meine Mission und ist es zu Teilen bis heute. Ich bin wie ein kleiner Missionar, der einen Auftrag hat.

Was bedeutet für Sie positive attitude?

Dinge zunächst für möglich zu halten, wenn sie gute Ideen beinhalten. Wir wissen in Deutschland immer recht gut, was nicht geht, aber dass es erst mal ein „ja“ sein kann und dann eine Modifizierung dessen wird, das erleben wir seltener. Wir haben eher einen Hang zum Bedenkenträgertum, und das ist für den Jazz tödlich, weil Jazz auf Reaktion, auf Spontaneität, auf Vorausschau und auf Mut und nicht auf „Ich weiß schon, das wird bestimmt schief gehen!“ basiert. Es entsteht eine empfindliche Verzögerung, die man musikalisch leider hört.

Was sind Ihre Pläne, was steht an?

Es kommen jetzt erst einmal viele Konzerte mit dem Till Brönner Orchestra. Es stand schon auf der Kippe, ob das so funktioniert. Wir wissen jetzt, dass wir richtig liegen mit der Idee. Die Menschen nehmen es an, und es gibt Reaktionen, die für uns geradezu überwältigend sind. Jazz kann also doch sehr erfolgreich sein. Bingo!

Vielen Dank für das schöne Gespräch!